Lehrveranstaltungen im SoSe 2008

Koloniale Imagination und rassistische (Selbst-)Praktiken in Wissenschaft und Populärkultur ab dem 18. Jahrhundert

Welche geschlechtlich und rassisch codierten Bilder und Phantasien entwarfen europäische Nationen von »primitiven Völkern« in Wissenschaft und Populärkultur, in Alltagsritualen und Volksfesten, in älterem Liedgut und modernen Massenmedien? Auf welche Weise gingen koloniale Imaginationen kolonialen Eroberungspraktiken voraus und wie griffen Imagination und Praxis bei der Konstituierung eines hegemonialen Selbstentwurfs ineinander? Zugleich ist zu fragen, inwiefern sich europäische Nationen gerade ĂĽber die Abgrenzung vom kolonialen »Anderen« selbst definierten – sei es als weiĂźe männliche »Herrenrasse«, als zivilisatorische Entwicklungshelfer oder als missionarische Seelenretter. In vielen Inszenierungen und Praktiken spiegelt sich jedoch auch ein koloniales »Begehren« des Anderen, eine koloniale »Mimikry« (Bhabha), die eine Ambivalenz gegenĂĽber den scheinbar »Unterworfenen« (und damit auch im Selbstentwurf) offen legt.

Das Seminar arbeitet mit unterschiedlichen Medien, deren spezifische Funktionsweise jeweils reflektiert wird: Diese reichen von der Kolonial- und Reiseliteratur über Texte aus dem Feld anthropologischen und medizinischen Wissens über politische Pamphlete bis zu Ritualen und Volksfesten (wie den »Völkerschauen«). Von Interesse sind aber auch deren bauliche Implementierungen und musikalisch-theatralische Performances in den kolonialen »Mutterländern«. Am ausgehenden 19. Jahrhundert kommen moderne Massenmedien wie Bildreklame, Fotographien, koloniale Postkarten und Filme hinzu. An ausgewählten Beispielen sollen die wechselseitig konstitutiven Konstruktionen des »Eigenen« und des »Fremden« erarbeitet werden.

Begleitendes Projekt: Es besteht die Möglichkeit zur Teilnahme an einer Projektgruppe, die ein Programm entwickelt, welches das Seminar an koloniale Erinnerungsorte Berlins fĂĽhrt – zu Denkmälern, Gebäuden, in entsprechende Viertel oder Ausstellungen. AusdrĂĽcklich erwĂĽnscht ist eine kreative Erprobung verschiedener Formen der Wissensvermittlung gegenĂĽber dem ĂĽbrigen Seminar. Diese können von der Erstellung eines Readers, kleinen Vorträgen und dem Einsatz historischer Tondokumente vor Ort ĂĽber spielerische Formen der Wissensvermittlung (Spurensuche, Rätsel, u. a.) bis zu Interviews mit Zeitzeugen der zweiten oder dritten Generation oder vielfältigen Formen der Auseinandersetzung mit heutiger Migration reichen. (Zur ersten Inspiration: von Heyden, Ulrich van der / Zeller, Joachim (2002) (Hg.): Kolonialmetropole Berlin. Eine Spurensuche, Berlin)

Anmeldung erbeten: claudia.bruns@culture.hu-berlin.de

Literatur

  • Bhabha, Homi K. (2000): Die Verortung der Kultur, TĂĽbingen. Burghartz, Susanne (2003): Berichten, Erzählen, Beherrschen. Wahrnehmung und Repräsentation in der frĂĽhen Kolonialgeschichte Europas, Frankf./M.
  • Dreesbach, Anne (2005): Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung »exotischer« Menschen in Deutschland 1870-1940, Frankf./M.
  • Jaikumar, Priya (2006): Cinema at the End of Empire. A Politics of Transition in Britain & India, Cloth.
  • Kundrus, Birthe (2003) (Hg.): Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus, Frankf./M.
  • Levine, Philippa (2004) (Hg.): Gender and Empire, Oxford.
  • Lewis, Reina / Milla, Sara (2003) (Hg.): Feminist Postcolonial Theory, New York.
  • McClintock, Ann u.a. (1997): Dangerous Liasons. Gender, Nation and Postcolonial Perspectives, Minneapolis.
  • MacKenzie (1986) (Hg.): Imperialism and popular culture, Manchester.
  • Zantop, Susanne (1999): Kolonialphantasien im vorkolonialen Deutschland (1770-1870), Berlin.
KUWI BA-Modul 2: Imagination, Wahrnehmung, Körper
Genderstudies BA-Modul 4-2 (Vertiefungsmodul): Interdependenzen
Zeit: Dienstag, 14-16 Uhr
Raum: SO 22a, 301

Wie das Neue in die Welt kommt … –

Zur Geschichte der Kulturgeschichte und ihrer Theorien

Das Seminar führt in Gegenstände, Theorien und transdisziplinäre Arbeitsmethoden der Kulturwissenschaft anhand ausgewählter Themenfelder wie »Natur und Umwelt«, »Kommunikation und Medien«, »Wissen und Wissenschaft«, »Körper und Geschlecht«, »Staat und Nation«, »Wahrnehmung und Gedächtnis«, »Identität und Alterität« ein. Mit diesen thematischen Feldern werden jeweils bestimmte Fragestellungen und theoretische Zugänge verbunden, die in ihrer historischen Gewordenheit erkannt und am konkreten Quellenmaterial erprobt werden sollen. Diese reichen vom Historismus über Hermeneutik und Strukturalismus bis zu diskursanalytischen, geschlechter-, performanz- und medientheoretischen Ansätzen. Die damit verbundenen Herausforderungen der Transdisziplinarität werden jeweils explizit gemacht und diskutiert. Das Seminar versteht sich zugleich als Einführung in die Geschlechtergeschichte und ihre Theorien und vermittelt nicht zuletzt einen Einblick in die interdependenten Zusammenhänge der Kategorie Geschlecht mit anderen sozialen Ordnungsmustern und Normierungen.

Literatur

  • Bachmann-Medick, Doris (2006): Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften, Reinbek: Rowohlt.
  • Böhme, Hartmut u.a. (2000): Orientierung Kulturwissenschaften. Was sie kann, was sie will, Reinbek bei Hamburg.
  • Braun,Christina von / Stephan, Inge (Hg.): Gender@Wissen. Ein Handbuch der Gender-Theorien, Köln u.a.: Böhlau/UTB.
  • Daniel, Ute (2004): Kompendium Kulturgeschichte. Theorien, Praxis, SchlĂĽsselwörter, 2. Aufl., Frankf./M.: Suhrkamp.
  • Kerpenstein-EĂźbach, Christa (2004): EinfĂĽhrung in die Kulturwissenschaft der Medien, Fink: UTB.
  • Landwehr, Achim / Stockhorst, Stefanie (2004): EinfĂĽhrung in die Europäische Kulturgeschichte, Paderborn.
  • Tschopp, Silvia Serena / Weber, Wolfgang E. J. (2007): Grundfragen der Kulturgeschichte, Darmstadt: WBG.
  • Wirth, Uwe (2002) (Hg.): Performanz. Zwischen Sprachphilosophie und Kulturwissenschaften, Frankf./M.: Suhrkamp.
KUWI BA-Modul: Theorie, Methoden, Kanon
Genderstudies BA-Modul 1: Transdisziplinarität
Zeit: Mittwoch, 12-14 Uhr
Raum: SO 22a, 0.13

Wissen – Macht – Körper

Kolloquium fĂĽr alle, die Anregungen, Austausch und Betreuung suchen

zusammen mit Prof. Dr. Jeffrey Peck

Dieses Kolloquium gibt die Möglichkeit, Abschlussarbeiten (sei es eine BA-, MA-, Magistra-, Diplom- oder Doktorarbeiten) vorzustellen und damit verbundene Probleme zu diskutieren. Zu Beginn des Kolloquiums wird überdies gemeinsam festgelegt, welche theoretischen Texte gelesen und besprochen werden sollen. Uns als LeiterInnen dieses Kolloquiums verbindet ein Interesse für ähnliche Themen, auf welche wir von unterschiedlichen Perspektiven, akademischen Kulturen und ethnischen Kontexten blicken. Unsere aktuellen Forschungsinteressen liegen in der Körper-, Geschlechter-, Ethnizitäts-, Subjekt- und Nationengeschichte sowie in der postkolonialen, transferanalytischen und queeren Theoriebildung. Das Kolloquium wird jedoch auch anders gelagerte Interessen der Teilnehmenden aufgreifen und produktiv zu machen versuchen.

Kontakte: jpeck@aicgs.org und claudia.bruns@culture.hu-berlin.de.

Beginn: 16. April 2008.

Zeit: Mittwoch, 14-16 Uhr, 14tägig
Raum: Dorotheenstr. 24, 3018